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Dialekte des Italienischen


 
von Regina Schwojer

 
Um sich auf Ihren Urlaub vorzubereiten, haben Sie fleißig Italienisch gelernt. In Bella Italia angekommen wollen Sie Ihre Kenntnisse natürlich auch anwenden. Fragen Sie jedoch beispielsweise in Sizilien einen Einheimischen nach dem Weg, erhalten Sie als Antwort „ora tenn a dschiri rittu“. Stellen Sie dieselbe Frage in Ligurien, so sagt man Ihnen womöglich „mo te deve andae a destra“.
 
War also Ihre ganze Mühe umsonst? Sind Sie vielleicht im falschen Land gelandet? Spricht man etwa in Italien nicht Italienisch? Die Antwort auf diese Frage ist: ja und nein. (Die Antwort auf Ihre Frage nach dem Weg war übrigens in beiden Fälle: „Jetzt müssen Sie nach rechts gehen.“)
 
Das Italienische besitzt nämlich so viele verschiedene Dialekte wie keine andere der romanischen Sprachen. Und diese haben, anders als beispielsweise in Deutschland, nichts von ihrer Vitalität verloren und werden immer noch von allen Bevölkerungsschichten benutzt und mit dem Standarditalienisch gemischt.
 
In welche Gruppen werden die Dialekte eingeteilt? Worin bestehen die Unterschiede zwischen den verschieden Dialekten? Welche anderen Sprachen werden in Italien außer Italienisch noch gesprochen?
 
Die Anworten auf diese Fragen finden Sie hier:
 

Italien - Ein Eldorado für Dialektforscher

Keine romanische Sprache hat eine so ausdifferenzierte Dialektlandschaft wie das Italienische. Auch haben die italienischen Dialekte, anders als beispielsweise in Deutschland, in der Vergangenheit nichts von ihrer Vitalität verloren und werden immer noch von allen Bevölkerungsschichten gerne genutzt und mit dem Standarditaliensch vermischt. Allen gesellschaftlichen Veränderungen zum Trotz ist Italien deshalb auch heute noch ein Eldorado für Dialektforscher.
 

Drei große Blöcke: norditalienisch, toskanisch und süditalienisch

Der gesprochene Dialekt variiert zum Teil von Ort zu Ort, weshalb man meist eine gröbere Einteilung vornimmt. Laut dieser wird in verschiedenen Regionen je ein anderes „italiano regionale“ gesprochen, welches sich vom Standard vor allem in der Aussprache unterscheidet.
 
Diese „italiani regionali" lassen sich in drei große Gruppen einteilen: die norditalienischen, die toskanischen und die südlichen Dialekte.
 
Die Trennlinie zwischen den norditalienischen und den toskanischen Dialekten verläuft von La Spezia nach Rimini. Die italienische Standardsprache, die auch in den Sprachenlernen24-Sprachkursen verwendet wird, basiert übrigens auf dem Toskanischen, genauer gesagt dem Dialekt der Stadt Florenz.
 
Wenn Sie sich die Unterschiede ein Mal selbst anhören wollen, bietet die Webseite der Humboldt-Universität Berlin einen umfangreichen Fundus an aufgezeichneten Sprachbeispielen. Folgen Sie dem Link http://www2.hu-berlin.de/Vivaldi/ und hören Sie den selben Satz auf Piemontesisch, Sizilianisch, Umbrisch und Ligurisch!
 

Unterschiede in Grammatik und Wortschatz

Die Aussprache ist aber bei Weitem nicht der einzige Unterschied zwischen den Dialekten. So verwendet man im Norden Italiens das „passato prossimo“ (wörtlich: nahe Vergangenheit, ähnlich dem deutschen Perfekt), um zu erzählen was letzte Woche passiert ist, im Süden dagegen das „passato remoto“ (wörtlich: ferne Vergangenheit, ähnlich dem deutschen Präteritum). Also sagt Paolo aus Milano: „La scorsa settimana sono andato al cinema.“ (Letzte Woche bin ich ins Kino gegangen.), Michele aus Palermo hingegen meint: „La scorsa settimana andai al cinema.“ (Letzte Woche ging ich ins Kino.")
 
Zudem gibt es zahllose „geosinonimi“, also je nach Region unterschiedliche, aber bedeutungsgleiche Wörter, sozusagen das italienische Pendant zu „Brötchen“ und „Semmel“. Beispiele wären „babbo“ und „papà“ oder „donna“ und „femmina“. Die Wasssermelone wird im Norden Italiens „anguria“, im Zentrum „cocomero“ und im Süden „mel(l)one“ genannt.
 
Falls Sie jetzt auf den Geschmack der italienischen Dialekte gekommen sind, haben wir hier weitere unterhaltsame Dialektbeispiele für Sie zusammengestellt.
 
Enrico Brignano: I dialetti italiani:
http://www.youtube.com/watch?v=_fWSp5oewKc

 
Und für das „Romano“ als Beispiel einen Ausschnitt aus „Vacanze di Natale“:
http://www.youtube.com/watch?v=JyRjxfHSRyE
 

Stellenwert der italienischen Dialekte

Spricht man Italiener auf ihren Dialektreichtum an, stößt man auf geteilte Reaktionen.
 
In manchen Familien ist es geradezu verpönt, Dialekt zu sprechen, da die Eltern für ihre Kinder schulische Nachteile fürchten und der Dialekt in manchen Schichten ein schlechtes Image hat.
 
Auf der anderen Seite bedient sich gerade die italienische Jugendsprache des Dialekts und es gibt sogar Zeitungen und Bücher, die im Dialekt verfasst sind.
 
Zum Teil hört man im Gespräch mit dialektal verwurzelten Italienern sogar Ressentiments gegenüber der Standardsprache durch.
 

Andere Sprachen auf italienischem Staatsgebiet

Bei vielen Dialekten ist auch umstritten, ob es sich nicht schon um eigenständige Sprachen handelt. Diese Grenze ist ja bekanntlich fließend. (Mehr zu dieser Frage lesen Sie in unserem Blogartikel „Was ist ein Dialekt“.) So wird im Moment zum Beispiel versucht, das Piemontesische als eigene Sprache zu etablieren.
 
Abgesehen von dieser Vielzahl an Dialekten werden auf dem italienischen Staatsgebiet nämlich noch zahlreiche andere Sprachen gesprochen. Bis zu drei Millionen Italiener haben nicht nur Italienisch als Muttersprache. Italien kann deshalb mit Recht als Vielsprachenstaat bezeichnet werden.
 
So gibt es beispielsweise im Piemont frankoprovenzalische und okzitanische Sprecher sowie albanische und griechische Enklaven in Süditalien. Slowenisch ist die Amtssprache der Provinzen Triest und Görz, und im Aostatal wird Franko-Provenzalisch gesprochen. Südtirol ist bekanntlich eine autonome, zweisprachige Region, neben Italienisch und Deutsch wird dort jedoch auch teilweise Ladinisch gesprochen. Weitere Sprachen auf italienischem Territorium sind das Sardische (ca. 1.350.000 Sprecher) und das Friaulische (ca. 700.000 Sprecher); letzteres wird hauptsächlich in der autonomen Region Friuli- Venezia Giulia gesprochen. In der Realität bedeutet das meistens, dass diese Sprecher zwei- oder mehrsprachig aufwachsen („bilinguismo“ oder „multilinguismo“).
 
Warum aber verfügt Italien verglichen mit Ländern wie Spanien oder Frankreich über eine solche Vielzahl an Dialekten? Wie hängt das mit der historischen Entwicklung Italiens zusammen? Welche Nachteile und Probleme ergaben und ergeben sich dadurch für Italien?
 
Antworten auf diese Fragen finden Sie im nächsten Blogartikel von Regina Schwojer zum Thema Entwicklung und Probleme der italienischen Dialektlandschaft.
 
 

Über die Autorin

1. Welche Sprachen (und Dialekte) sprichst du?
Deutsch, Englisch und Italienisch spreche ich ziemlich gut; Niederländisch immerhin gut genug, um meine Mitmenschen zu erheitern. Aus der Schule habe ich zu meinem großen Erstaunen genug Französisch mitgenommen, um Pantomimespiele mit französischen Austauschschülern zu leiten, und genug Latein, um mich mit Nachhilfe über Wasser zu halten. Dank meinen Eltern beherrsche ich Oberbayrisch und Lechrainer zumindest passiv.
 
2. Welche Sprachen lernst du gerade?
Gerade sollte ich wie verrückt Italienisch pauken, um mich auf meine Zwischenprüfung vorzubereiten. Mein Niederländisch zu verbessern zählt auch zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich spiele mit dem Gedanken bald mit einer neuen Sprache zu starten, denn „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ und meiner Meinung nach macht Sprachenlernen ganz zu Beginn am meisten Spaß.
 
3. Wo hast du deinen letzten Urlaub verbracht?
Ich habe in Ligurien mit einem hoffnungslos überpackten Fahrrad jeden Tag 500 Höhenmeter überwunden, bin dann ins wunderschön-blaue Meer gesprungen und habe jede Nacht wie ein Stein in meinem Zelt geschlafen.
 
4. Wohin geht deine nächste Reise?
In die Niederlande, nach Arnhem. Poffertjes, Stroopwaffels und Arnhemer meisjes, ich komme!
 
5.Was ist deine Lieblingsseite zum Sprachenlernen im Web?
Schwer zu sagen. Ich benutze oft Internetwörterbücher, muss mich aber immer rasend über die vielen Fehler aufregen. Ich fürchte die Antwort ist...Sprachenlernen24.
 
6. Was ist dein Lieblingswort?
Supercalifragilisticexpialidocious.
 
7. Welches Wort kannst du dir überhaupt nicht merken?
Lustigerweise kann ich mir die allerbanalsten Sachen am schwersten merken. Nach zwölf Jahren Englisch verwechsle ich zum Beispiel immer noch "lend" und "borrow". Wenn ich den ganzen Tag auf Englisch gedacht habe, kommt es aber auch vor, dass mir deutsche Wörter nicht mehr einfallen.
 
8. Was kannst du in einer neuen Sprache ganz schnell lernen?
Nomen, Adjektive und Verben - Konjunktionen brauchen dagegen immer ihre Zeit.
 
9. Was ist dein persönlicher Tipp für alle Sprachen-Lerner?
Vor allem wenn man mehrere Sprachen spricht oder lernt, sollte man die sich daraus ergebenden Vorteile gezielt nutzen. Kennt man ein verwandtes Wort in einer anderen Sprache, hat man schon die halbe Miete! Scheint man den Überblick zu verlieren, sollte man sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede noch einmal deutlich machen.
 
10. Was ist dein Lieblings-Sprichwort? / Weißt du einen guten Zungenbrecher?
Mein Lieblingssprichwort oder Motto stammt von Oscar Wilde und lautet "One should always be a little improbable." Der Zungenbrecher, an dem ich immer wieder scheitere, ist „Saschas Schere schneidet scharf, scharf schneidet Saschas Schere.“
 
11. Was war das erste Wort, das du sprechen konntest?
Soweit ich weiß, wurde das nicht festgehalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach also „Mami“.
 
Wie würdest du dich selbst in einem Satz beschreiben?
Jemand, der immer über Stress klagt, aber alles was er macht, eben leidenschaftlich gerne tut.

 

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